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QUIZ
 

EXPERTENTIPPS ZUR BERUFSORIENTIERUNG

Michael Hümmer

Michael Hümmer 
Berater für akademische Berufe Agentur für Arbeit Fürth

Wir haben Michael Hümmer, Berufsberater der Agentur für Arbeit Fürth, zu seinen Erfahrungen bei der Berufsberatung von Schülern befragt. Welche Fragen häufig gestellt werden, wie die Berufsorientierung gelingt und welche Tipps er üblicherweise mit auf den Weg gibt, erfährst Du in unserem Interview.

1. Wie läuft die Berufsberatung ab? Erfahren Sie im Nachhinein, wie sich die Karriere einzelner Jugendlicher entwickelt hat?

Die erste Beratung dauert ungefähr eine bis anderthalb Stunden. Nachdem wir gemeinsam die Interessen und Wünsche der Schüler erarbeitet haben, rate ich ihnen, zu Hause über die möglichen Wege zu recherchieren und sich sicherer zu machen. Insgesamt können es auch drei bis vier Beratungsgespräche sein, die die Jugendlichen in Anspruch nehmen. Durch die Verkürzung der Gymnasialzeit (G8) sind es oft 16-/17-Jährige, die vor der schwierigen Entscheidung der Berufswahl stehen. Die Entscheidung fällt in dem Alter nicht leicht. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass natürlich oft die Eltern an der Entscheidungsfindung beteiligt sind. Das kann positiv sein. Es kam schon vor, dass ich mit einem Schüler einen Plan erarbeitet habe, der dann aufgrund der Meinung seiner Eltern in der letzten Beratung über den Haufen geworfen wurde.

Ja, ich erfahre oft, wie der berufliche Weg der Schüler verläuft und freue mich natürlich, wenn sie ihre Wünsche verwirklicht haben.

2. Eine typische Frage, die Ihnen bei Ihrer täglichen Arbeit gestellt wird, lautet: „Was kann ich nach der Schule machen?“. Wie antworten Sie darauf?

Ich gehe mit den Schülern alle Möglichkeiten durch. Gut informierte Schüler sind an ganz konkreten Informationen wie Bewerbungsfristen für Ausbildung oder Studium interessiert. Sie interessieren sich dafür, wie sie ihr Ziel erreichen können. Bei eher orientierungslosen Jugendlichen besprechen wir, ob eine dual betriebliche Ausbildung, ein Studium an der FH oder Uni zu ihnen passt oder auch, ob sie nach der Schule erst einmal jobben oder ins Ausland wollen.

Eine wichtige Entscheidung

© Trueffelpix - Fotolia.com

3. Eine weitere gängige Frage der Schüler ist „Was passt zu mir?“. Was raten Sie ihnen?

Ich sensibilisiere die Schüler zunächst einmal für das bevorstehende Berufsleben und stelle sie vor die Frage „Was möchte ich in Zukunft 8 Stunden am Tag machen?“. Man muss sich darüber klar werden, dass die Ausbildung oder das Studium lediglich ein Zwischenschritt auf dem Weg zur beruflichen Verwirklichung ist. Ich erarbeite mit den Schülern gemeinsam, welcher Weg sie an ihr gewünschtes Ziel bringen könnte.

Beispiele aus der Berufsberatung:

Ein BWL-Absolvent kam einmal zum Bewerbungsmappen-Check, hatte bisher nur zwei Bewerbungen verschickt und war sich zu 99% sicher, eine Stelle bei einem großen internationalen Handelsunternehmen im Einkauf zu bekommen. Sein Interesse an Weinen war sehr groß, weshalb er sich seit dem dritten Semester intensiv mit Weinen befasste und als Sommelier jobbte. Er war auf seinem Gebiet Experte und bekam tatsächlich eine Stelle als Weineinkäufer. Was ich damit sagen möchte ist, dass man seinen Platz findet, wenn man seinen Interessen folgt.

Ein anderes Beispiel war eine Abiturientin, die schon immer Lehrerin werden wollte. Die Praxis im Referendariat, nach dem Studium, war in ihrem Fall sehr ernüchternd. Für sie brach eine Welt zusammen, weil sie plötzlich merkte, dass der Beruf in der Praxis gar nicht zu ihr passte. Daher ist es essentiell, sich im Vorfeld über die Berufsbilder zu informieren, die dahinter stehen und was es beispielsweise bedeutet, fünf Mal wöchentlich à sechs Stunden vor einer Klasse zu stehen.  

„Ich versuche nie, sie von ihrem Weg abzubringen...Im Gegenteil!"

4. Wie können sich die Jugendlichen beruflich orientieren? Was halten Sie von Tests zur Berufswahl/-findung im Internet?

Man muss ganz klar erkennen, dass solche Tests nur als Hilfsmittel dienen. In der Arbeitsagentur arbeiten wir in der Berufsberatung mit unserem berufspsychologischen Service. Dort werden valide Testverfahren geboten, die Stärken und Potentiale der Schüler herausfiltern und die ich, wenn gewünscht, fürs Folgegespräch nutzen kann. Doch viel effektiver sind persönliche Gespräche, ob mit einem Berufsberater, mit Bekannten, der Familie oder Freunden.

In der Beratung kläre ich vorab, welche der folgenden drei Sparten auf die Person zutrifft: 1. Ich möchte viel mit Menschen zu tun haben., 2. Ich möchte gar nicht mit Menschen arbeiten., 3. Die Fifty-fifty-Alternative. Was sich im ersten Moment sehr einfach anhört, ermöglicht mir, die Branche und Tätigkeitsfelder besser einzugrenzen. Den Schülern rate ich, die Familie, Freunde oder Bekannten zu interviewen und ihnen Fragen zu stellen: Was machst Du konkret? Wie sieht Dein Arbeitsalltag aus?  

5. Warum ist ein Betriebspraktikum zur Berufsorientierung sinnvoll?

Praxiserfahrung ist bei der Berufsorientierung ganz wichtig! Vor allem sollte man die Wahl eines Betriebspraktikums gut informiert angehen. Auch das Auswahlverfahren darf man nicht passiv über sich ergehen lassen, sondern sollte man sich darauf einlassen und den Arbeitgeber unter die Lupe nehmen. Am Ende eines Bewerbungsgespräches kann man sich ruhig den Arbeitsplatz zeigen oder sich zu einer Person, die einen künftig betreut, führen lassen. Wenn der Arbeitgeber das mit einem „Das sehen wir alles, wenn Du da bist!“ abtut, sollte man dem Praktikum skeptisch gegenübertreten. 

Es kann auch passieren, dass Schüler in ein und derselben Position in unterschiedlichen Unternehmen verschiedenste Erfahrungen sammeln. Im Unternehmen X kann alles ganz toll und abwechslungsreich sein, während im Unternehmen Y genau das Gegenteil der Fall ist. Daher gilt es, sich im Vorfeld durch gründliche Recherche umfassend über die Unternehmen zu informieren und genügend Praxiserfahrung zu sammeln. Die Schüler erfahren dadurch, dass die Realität eines vermeintlichen Traumberufes ganz anders aussehen kann. So erfährt vielleicht der Gamer, dass er nicht den ganzen Tag Computerspiele testen kann, sondern auch andere Tätigkeiten am PC auf ihn zukommen. Jemand anderes findet es vielleicht spannend, den ganzen Tag konzentriert an einem Thema zu arbeiten. Der Beruf kann durch ein Betriebspraktikum entdeckt, erlebt und mit Leben gefüllt werden!

Informiere Dich rechtzeitig!

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6. Informieren Sie die Schüler über ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt?

Die Chancen auf dem Arbeitsmarkt sind natürlich ein ganz wichtiger Aspekt in der Berufsberatung. Falls sie einen Weg einschlagen wollen, bei dem sich der Berufseinstieg schwierig gestaltet, bereite ich sie dementsprechend bezüglich des Markteinstiegs vor.

Doch ich versuche nie, sie von ihrem Weg abzubringen… Im Gegenteil! Wenn jemand Physiotherapeut werden möchte, sollte er mit dem Gedanken spielen, sich später selbstständig zu machen. Wenn jemand im journalistischen Bereich tätig werden will, sind Social Media Erfahrungen erforderlich. Es ist wichtig, in einem Feld zum Experten zu werden und sich somit am Markt interessant zu machen. Auch ein früher Kontakt zu Arbeitgebern und Praxiserfahrung erhöhen die Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Jeder hat es selbst in der Hand, sodass es mit dem Berufseinstieg klappen kann.

7. Wann ist der richtige Zeitpunkt, sich für eine Ausbildung zu bewerben?

Bei Großunternehmen ist es ratsam, sich ein Jahr vor Ausbildungsbeginn, also im August des Vorjahres, zu bewerben. Dort findet dann das Auswahlverfahren ab Januar statt und in den meisten Fällen bekommen die Bewerber im Februar/März Bescheid, ob es mit der Ausbildungsstelle geklappt hat. Bei mittelständischen Unternehmen startet das Verfahren in der Regel zum Jahreswechsel.

Ab Februar werden Anzeigen geschaltet. Es macht auch noch Sinn sich kurz vor Ausbildungsbeginn bei potenziellen Arbeitgebern zu melden und sich ins Gespräch zu bringen. Wenn die Unternehmen merken, dass ehrliches Interesse besteht und sie keine Notlösung sind, stehen die Chancen auf ein kurzfristiges Vorstellungsgespräch nicht schlecht.

03/2015

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